Ein Projekt für Galerie Isabella Cyarnowska, Berlin Germany
December 9, 2006 - February 16, 2007
Text von Jürgen Drescher
Sara Sizers Werke sind Bilder, allerdings nicht konventionell mit Farbe gemalte, sondern Bilder, deren ungrundierte Leinwand, der auf den Rahmen gespannte Malgrund mit Bleiche bearbeitet wird. Aus dem Bildträger entsteht, mit Bleichmitteln teilweise entfärbt, das Bild.
Der Vorgang trifft sich oberflächlich mit dem des Malens: die Chemikalie kann mit dem Pinsel aufgetragen werden, es kann der gleiche Gestus entstehen, als würde gemalt, jedoch mit dem Unterschied, dass der Auftrag irreversibel ist - der Prozess kann zwar gestoppt aber nicht rückgängig gemacht, nicht übermalt und nicht weggewischt werden. Sizers Herangehensweise, die Herstellung von Bildern über einen chemischen Prozess zu steuern, führt zur Planung einer Form, zu einer Bildgestaltung, die eine Nähe zur Bildhauerei und zu photographischen Bildprozessen offenbart. Denn aus zeichentheoretischer Perspektive sind viele der Arbeiten indexikalisch, d.h., dass ihnen die Spuren notwendig vorgängig existierender Objekte eingeschrieben sind. Dass dieser farblosen „Malerei“ dennoch nicht der Eindruck eines ‚So ist es gewesen’ (Roland Barthes) zukommt, dass sie an nichts Reales, sondern eher an eine vage Erinnerung von Gesehenem erinnern, macht ihr Geheimnis und gleichsam ihren ästhetischen Reiz aus.
So sensibilisieren die Ergebnisse der von Sizer initiierten und sich auf der Malhaut manifestierenden Prozesse die Wahrnehmung des/der Betrachters/in, und schärfen den Blick für die Beobachtung von Entsprechungen. Eine findet sich in der gebauten Umgebung, unserer Wahrnehmung von Architektur - beleuchtete neben verschatteten Bereichen, bilden dasselbe Hell-Dunkel aus Licht auf der Fläche eines Materials, das uns in den unbehandelten neben den entfärbten Stellen auf Sizers Leinwänden entgegentritt. Das Phänomen des Ausbleichens durch Lichteinfall, beispielsweise einer dem Sonnenschein ausgesetzten Zeitung, auf der sich die Konturen einer achtlos auf ihr stehen gelassenen Kaffeetasse abzeichnen, lässt sich als ein weiterer analoger Bildprozess begreifen, der ebenfalls aus dem Alltag geläufig ist und doch nur selten unsere bewusste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag.
In gewisser Hinsicht aktiviert Sizer das ephemere Potential dieser alltäglichen und zumeist optisch-unbewussten Bilder, indem sie die eigentlich vergänglichen Motive auf der Leinwand einfängt, indem sie es den Phänomenen erlaubt, sich einzuprägen, sich auf dem Bildträger abzuformen. Einmal auf der Bildoberfläche angelangt, teilen sie sich uns mit einer stillen Intensität und stoischen Präsenz mit, deren Reflexion uns auf uns selbst, auf den noch immer möglichen Akt einer zweckfreien Wahrnehmung zurückwirft.
Durch einen Spalt über der Verdunkelung, bildete sich an einem hellen Tag, die über Eck liegende Hauswand mit den Fensterhöhlungen, an der Decke in meinem Schlafraum ab - auf dem Kopf, was deutlicher wird, wenn jemand aus dem Küchenfenster winkt. Durch die Lektüre von Friedrich Kittlers Optische Medien gelangte ich so, indem ich das Abbild zum ersten Mal wahrnahm, in den Besitz einer Zufalls-Camera Obscura: Ähnliche Freuden verschaffen uns auch Sara Sizers Bilder.
Jürgen Drescher text english version
Sara Sizer´s works are paintings, but not made with paint in the conventional sense. Rather these paintings are simply stretched, raw linen which have been partially bleached to reveal images. Some paintings depict forms taken from the garden achieved by spraying bleach around trees, railings and plants. These especially take on a mysterious, quasi abstract appearance sometimes suggesting funnel clouds or strange colums.
These works look like paintings but have nothing on their surface. The support of the painting itself, partly bleached by chemicals, is the painting. This only superficially meets our idea of a painting. The bleach is mostly applied with a brush having the same gesture as if it was painted with paint but with the difference that the application is irreversible. The process can be stopped but not withdrawn, no overpainting, no erasing. Sizer´s way of working to control the paintings through a chemical process leads to the conception of images and the planning of form akin to the sculptor´s and photographer´s. Seen from a semiotical perspective many of these works are indexical in the sense that traces of already existing objects are necessarily imbedded on the canvas. This colorless „painting“ does not remind us „of what was“ (Roland Barthes). The fact that they don´t recall anything real but rather bring to mind a vague memory of something seen contributes to their mystery and creates at the same time their aesthetic identity.
In this way the results of Sizer´s process as seen in her paintings sensitize our perception and sharpen our intuition for correlations. Our perception of architecture, zones of light and shadow, show the same bright and dark contrast which are similarly manifested in the untreated and treated areas of Sizer´s works. For example the phenomenon which occurs when a coffee cup is left on a newspaper in the sunlight and a sillouette of the cup becomes „burned“ after a time onto the newspaper should be common to us but rather seldom attracts our conscious attention. It could be said that Sizer activates these ephemeral possibilities of the everyday capturing these transient motifs on the canvas and finally allowing them to imprint themselves leaving their simple forms forever. Once there, they tell their tale with a calm intensity and stoic presence which upon reflection throws us back to ourselves and back to the still possible act of pure perception.
Through a crack in the darkness, on a very bright day, on a wall with windows which was perpendicular to another wall, an image emerged on the ceiling of my bedroom. It was upside down which became more obvious when someone began waving out of the window. Reading Friedrich Kittler´s „Optical Media“ I found myself in the possession of a chance camera obscura. Similar pleasures are given to us by Sara Sizer´s paintings.
by Jürgen Drescher