"leaves"

Sept. 2 - Nov. 14, 2016 Cosar HMT Galerie Düsseldorf, Germany

The book "leaves", with a text by Falk Wolf, is published by DISTANZ on occasion of the exhibition.

http://www.distanz.de/de/books/new-publications/detail/backPID/new-publications/products/sara-sizer-1.html

Es sind rätselhafte Bilder, die in den letzten Jahren im Atelier von Sara Sizer entstanden sind. Als würde die Künstlerin den Trompe-l‘oeil-Effekten niederländischer Stilllebenmaler des 16. und 17. Jahrhunderts nacheifern, zeigt sie Stoff, der wie frisch auseinandergefaltet wirkt. Wie Zeuxis den von Parrhasios gemalten Vorhang möchte man diese Tücher lüften, um die eigentlichen Bilder sehen zu können, so detailliert und klar sind die Falten, so plastisch treten sie hervor. Erst auf den zweiten Blick teilt sich mit, dass es sich um auf Keilrahmen gespannten Stoff handelt. Die Bilder zeigen gefalteten Stoff auf glattem Stoff und spielen so auf das Bildvokabular des Faltenwurfs an, neben der Darstellung des Nackten einer der wichtigen Nachweise von Meisterschaft in der Malerei.

Wenn sie so auf Malerei und Malereitheorie anspielen, lassen die Bilder uns doch zugleich zweifeln, ob es sich überhaupt um Malerei handelt oder ob eine fotografische Technik im Spiel ist. Es zählt zu den Stärken dieser neuen Werkserie, dass jede neue Beobachtung zu neuen Fragen führt. So zeigt sich etwa, wie in »Lied«, dass die bildinterne Logik der Modellierung von Licht und Schatten nicht konsistent ist: Dort, wo die Falten erhaben wirken, scheint das Licht von links, dann aber an einer anderen Stelle von rechts zu kommen. Bei »Not« breitet das Licht sich von der vertikalen Mittelachse her aus und doch sind die horizontalen Falten wie von einem quer zur Lichtquelle stehenden Streiflicht akzentuiert. So leuchten die Bilder gewissermaßen aus sich selbst heraus, reagieren aber äußerst sensibel auf Lichtquellen im Raum. Je nach Lichteinfall und Betrachterstandpunkt ändern sich Intensität und Farbigkeit der Bilder. Sich im Raum bewegend kann der Betrachter vielfältige, subtile und überraschende Modifikationen der Bilder erleben. Je genauer man schaut, umso rätselhafter werden die Bilder.

Demgegenüber ist das künstlerische Verfahren sehr reduziert und überantwortet den ins Spiel gebrachten Materialien größten Anteil am Formbildungsprozess. Bereits seit Anfang der 2000er Jahre hat Sizer mit Bleichmitteln auf farbigen Stoffen neue Möglichkeiten der Malerei erkundet. Nun wählt sie roten Samt als Ausgangsmaterial, der in gefaltetem Zustand mit Bleiche bearbeitet wird. Die Bilder sind gewissermaßen Abdrücke ihrer selbst. Sie repräsentieren nicht und sie sind auch nicht als Spuren einer Berührung mit einem abwesenden Gegenstand zu lesen. Sie bringen sich gewissermaßen selbst hervor und lassen das Abbild ihres vorherigen gefalteten Zustandes erscheinen. Thematisch schöpfen sie wie eingangs beschrieben aus den Gesten des Verbergens und Verhüllens, wie sie immer wieder in der selbstreflexiven Malerei seit dem späten Mittelalter auftauchen. Als Ent-Faltungen zeigen sie aber zugleich eine Mannigfaltigkeit, die uns als bildliche Komplexität vor Augen gestellt ist. Diese verbraucht sich nicht im Wissen um das Herstellungsverfahren. Das schauende Auge widersteht vielmehr der Entzauberung des Rätsels dieser Bilder.

Falk Wolf